Von Aleks 3. August 2026
Warum Hufrehe nicht erst beginnt, wenn das Pferd keinen Schritt mehr geht
Die meisten betroffenen Pferdebesitzer:innen, mit denen ich über Hufrehe spreche, erinnern sich an einen ganz bestimmten Moment: der Tag, an dem das Pferd plötzlich nicht mehr aus der Box wollte. Den Blick auf ein Pferd, das sich vor Schmerzen kaum noch bewegt. Den Anruf beim Tierarzt, bei dem zum ersten Mal das Wort “Hufrehe” fällt.
Für die Besitzer:in fühlt sich das an wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Aber genau das ist bei den allermeisten Hufrehe-Fällen eigentlich nicht der Fall – und das ist die wichtigste Botschaft, die ich dir mit diesem Beitrag mitgeben möchte: Hufrehe beginnt nicht am Tag des akuten Schubs. Sie beginnt oft Monate oder sogar Jahre vorher, still und leise, mit Anzeichen, die man leicht übersehen kann, wenn man nicht weiß, worauf man achten muss.
So (oder noch schlimmer) kann fortgeschrittene Hufrehe aussehen.
Die unbequeme Wahrheit: bis zu 90 % der Fälle wären vermeidbar
Fachlich unterscheidet man drei Hufrehe-Arten. Zwei davon – die Vergiftungsrehe (etwa nach einer Nachgeburtsrehe) und die Belastungsrehe (nach massiver Überlastung einer Gliedmaße, z. B. bei einem Knochenbruch am anderen Bein) – treten sehr plötzlich auf. Sie sind zum Glück sehr (!) selten.
Die mit Abstand häufigste Form ist eine andere: die Hyperinsulinämie-assoziierte Hufrehe (HAL). Sie macht mehr als 90 % aller Hufrehefälle aus und hängt direkt mit einem dauerhaft zu hohen Insulinspiegel zusammen – meist im Zusammenhang mit EMS (Equinem Metabolischem Syndrom) und manchmal auch zusätzlich PPID (Equinem Cushing). Und genau diese Form entwickelt sich schleichend. Der Körper kann eine beginnende Insulinresistenz oft über Wochen, Monate oder Jahre kompensieren, ein halb-kaputter Hufbeinträger kann eine ganze Weile noch irgendwie gerade noch tragen, bevor sich ein akuter Schub zeigt.
Das bedeutet: Wenn wir lernen, die Frühwarnzeichen zu lesen und die Fütterung rechtzeitig anzupassen, ist ein großer Teil der Hufrehefälle tatsächlich vermeidbar.
Die Frühwarnzeichen, die zu leicht übersehen werden
Am Körper: hormonaktive Fettdepots
Typisch für EMS sind Fettdepots an ganz bestimmten Körperstellen, die – anders als “normales” Übergewicht – hormonaktiv werden und die Insulinproblematik zusätzlich befeuern:
- am Mähnenkamm (Cresty Neck)
- hinter der Schulter
- im Lendenbereich
- am Schweifansatz (links und rechts davon)
- oberhalb der Augen
- rund um Schlauch bzw. Euter
Sehr aufällige Fettdepots am Mähnenkamm. Der Cresty Neck sollte nicht größer als 3-5 cm sein und sehr weich. Lerne, ihn zu ertasten!
Wichtig zu wissen: Ein Pferd muss nicht alle diese Fettdepots gleichzeitig zeigen. Häufig ist es nur eines, zum Beispiel auffälliges Fett am Mähnenkamm – und das reicht schon als Warnsignal.
Bei PPID sind die Anzeichen oft subtiler: schwaches Bindegewebe, ein verzögerter oder unvollständiger Fellwechsel, ein schleichender Leistungsabfall oder eine auffällige Kombination aus Rippigkeit und einzelnen Fettpölstern – Dinge, die man leicht dem Alter zuschreibt, obwohl eigentlich schon ein beginnendes PPID dahintersteckt.
Wenn du erfahren möchtest, worauf du bei der Einschätzung der Fettdepots am Pferd schauen solltest und wo du die typischen EMS-Fetteinlagerungen findest, schau hier auf Youtube vorbei.
Am Huf
Auch der Huf selbst zeigt oft früh Anzeichen: eine verbreiterte oder aufgefaserte weiße Linie (teils mit kleinen Einblutungen), eine dünne, flache oder gar vorgewölbte (statt dick und nach innen gewölbt), wegschnabelnde Zehenwände oder ungleichmäßig wachsende Ringe in der Hornkapsel.
Subtile Anzeichen am Huf: Ringe in der Hornkaspsel, bei denen der Abstand an den Trachten größer als an der Zehe ist.
Im Gangbild
Fühligkeit, ein klammer Gang, Wendeschmerz oder eine übermäßige Trachtenfußung können erste Hinweise sein – auch wenn sie (noch) nicht dramatisch wirken. Ganz oft wird das einfach nur als Faulheit interpretiert. Da die Pferde meist in der Wendung schmerzhafter sind als beim Geradeaus sind sie meistens am Reitplatz noch “triebiger” und besonders steif - und weil ihnen ihre Hufe einfach richtig weh tun, haben sie generell wenig vorwärts.
Warum ein “unauffälliges” Blutbild dich trotzdem nicht beruhigen sollte
Viele Pferdebesitzer:innen lassen an dieser Stelle ein Blutbild machen – und bekommen die Rückmeldung “alles im Referenzbereich”. Das klingt beruhigend, ist es aber leider nicht immer. Damit die Werte für Glukose und Insulin wirklich aussagekräftig sind, muss vor, bei und nach der Blutabnahme einiges stimmen (u. a. “heunüchterne” Fütterung in den Stunden davor), und die beiden Werte sollten nicht isoliert, sondern im Verhältnis zueinander betrachtet werden. Aus ihnen lassen sich zusätzliche Kennwerte berechnen, die eine beginnende Insulinresistenz oft schon anzeigen, während die Einzelwerte noch “im grünen Bereich” liegen.
Bei begründetem Verdacht – etwa weil dein Pferd EMS-typische Fettdepots zeigt, aber das Blutbild unauffällig war – ist ein dynamischer Test wie der Oral Sugar Test (OST) oft aussagekräftiger. Dabei wird gemessen, wie der Körper tatsächlich auf eine Zuckergabe reagiert, statt nur eine Momentaufnahme in Ruhe zu betrachten.
Ich habe den OST auch bei meinem eigenen Pferd machen lassen. Einen Erfahrungsbericht findest du im Blog der Akademie für angewandtes Pferdewissen.
Ein wichtiger Tipp von mir: schreib dir bei einer Blutabnahme immer sehr genau auf, was genau dein Pferd in den Stunden vor der Blutabnahme gefressen hat und wie viel es sich bewegt hat. Das hilft ungemein bei der Interpretation der Blutwerte.
Was du jetzt tun kannst
Wenn dir eines oder mehrere der oben genannten Anzeichen an deinem Pferd bekannt vorkommen, heißt das nicht, dass dein Pferd garantiert Hufrehe hat oder einen akuten Schub bekommt. Aber je früher wir hinschauen, desto mehr können wir für dein Pferd tun - also werde jetzt aktiv:
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Beobachte den Körper deines Pferdes regelmäßig und möglichst neutral – zieh im Zweifel eine zweite Meinung hinzu, denn beim eigenen Pferd neigt man leicht dazu, Dinge zu beschönigen. Taste den “Cresty Neck” deines Pferdes ab.
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Sprich mit deiner Tierärztin bzw. deinem Tierarzt über eine korrekt durchgeführte Blutdiagnostik oder einen dynamischen Test.
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Achte auf Zucker und Stärke in der Fütterung (Heu, Weide, Mineralfutter, Leckerlis) – zusammen sollten sie unter 10 % bleiben.
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Sorge für (angepasste) Bewegung, sie verbessert die Insulinsensitivität der Zellen.
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Bau dir ein Team aus Fachleuten auf, die wirklich aktuell zum Thema Hufrehe informiert sind. Gerade in den letzten 5 Jahren ist der Forschungs- und Wissensstand zum Thema Hufrehe massiv gewachsen. Ein Up-To-Date Verständnis von Hufrehe hilft deinem Pferd enorm.
Du musst diesen Weg nicht allein gehen!
Unterstützung für ein Hufrehe-Pferd kann sehr unterschiedlich aussehen. Ob Polster, Schuhe, Bekleb oder Spänebox schauen wir uns bei Bedarf gemeinsam an.